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«Mädchen oder Junge – was macht das für einen Unterschied?» – Erklärung des Genderkonzepts

von Careerplus • 8 April 2016

Im Rahmen des Engagements für die Chancengleichheit unterstützt Careerplus 2016 eine Ausstellung über die Gleichstellung der Geschlechter ab dem Kindesalter. Sie soll zum Nachdenken über die stereotypen Vorstellungen anregen, die wir mit Mädchen und Knaben schon im frühen Kindesalter in Verbindung bringen. Um diese Thematik besser zu verstehen, haben wir mit Églantine Jamet Moreau gesprochen. Sie ist Mitbegründerin von SEM und Organisatorin der Ausstellung.

«Mädchen oder Junge – was macht das für einen Unterschied?» – Erklärung des Genderkonzepts«Mädchen oder Junge – was macht das für einen Unterschied?» – Erklärung des Genderkonzepts

Frau Jamet-Moreau, warum beeinflusst die heutige Lebensweise das Verhalten von Mädchen und Knaben?

Wir leben in einem hierarchischen Geschlechtersystem, das die Gesellschaft dazu gebracht hat, Frauen und Männern geschlechterspezifische soziale Rollen zu übertragen. Und die Kinder werden natürlich von diesem System beeinflusst. In den vergangenen 40 Jahren sind zwar Fortschritte erzielt worden, aber heute stagniert die Entwicklung mehr oder weniger. Manche Diskriminierungen dauern bis ins Erwachsenenalter an: Lohnungleichheit und unausgewogene Aufgabenverteilung in der Paarbeziehung und in der Familie oder im Unternehmen.

War das vor 40 Jahren anders?

Ich denke, die Probleme wurden nicht an der Basis angegangen, also über die Erziehung der Kinder. Den Erwachsenen hat man zwar erlaubt, gewisse Ungleichheiten ins Lot zu bringen, die Kinder wurden aber weiterhin recht unterschiedlich und stereotypisch erzogen. Heute sind die Stereotypen, die man mit kleinen Mädchen und Knaben in Verbindung bringt, sogar noch markanter als vor 30 Jahren. Diese Entwicklung hat sicher auch damit zu tun, dass die Gleichstellungsarbeit recht zersplittert erfolgt ist: Jeder Bereich – Unternehmen, Politik, Familie, Bildung – wird von eigenen Fachleuten analysiert, die untereinander kaum vernetzt sind.

Warum hat denn die Erziehung zu einer besseren Gleichstellung nicht angedauert?

Zunächst bilden sich je nach sozialem Umfeld, in dem man lebt, grosse Unterschiede heran. Aus einem soziologischen und historischen Blickwinkel ist ein sich zyklisch wiederholendes Phänomen zu beobachten: Auf einen Zyklus grosser Fortschritte folgt ein Zyklus der Rückkehr zu traditionellen Werten. Die heutigen Rückschritte sind der weltweiten Instabilität zuzuschreiben, aber auch der Explosion der etablierten Ordnung in den 60er- und 70er-Jahren. In einem solchen Klima herrscht der Wunsch nach Ordnung, Abschottung, Differenzierung. Das beruhigt und gibt Sicherheit.

Gibt es bei Mädchen und Knaben auch angeborene natürliche Verhaltensweisen?

Biologisch und neurologisch weiss man heute noch sehr wenig über das Gehirn. Im Rahmen der Ausstellung haben wir die auf solche Fragen spezialisierte Neurobiologin Catherine Vidal eingeladen. Sie erklärt, dass bei der Geburt erst 10 Prozent der neuronalen Verbindungen hergestellt sind und die restlichen 90 Prozent erst mit zunehmender Lebenserfahrung «verkabelt» werden. Wir besitzen zwar erst wenige Kenntnisse über den Aufbau des Gehirns, wissen aber, dass der Aufbau der Gesellschaft einen enormen Einfluss hat. Deshalb konzentrieren wir uns auf diese Dimension. Ich bin der Auffassung, dass es keine rein männlichen oder rein weiblichen Eigenschaften gibt. Allerdings halten viele Leute an dieser Überzeugung fest, sei es, um die Ungleichstellung zu rechtfertigen, sei es, um die Gleichstellung zu fördern, vor allem im Unternehmen. Das ist jedoch eine Falle, denn diese Meinungen setzen voraus, dass es eine weibliche oder männliche «Natur» gibt. Sie schubladisieren die Menschen und unterbinden ihr Potenzial zulasten des Reichtums, der in der Verschiedenartigkeit liegt.

Die Ungleichstellung von Frau und Mann im Erwachsenenalter ist eine Fortsetzung des im Kindesalter erlebten sozialen Aufbaus."

Erklären Sie uns in wenigen Worten die Idee der Ausstellung

Diese Ausstellung wurde vom Centre Vaudois d’aide à la jeunesse in Zusammenarbeit mit dem Waadtländer Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau konzipiert. Auf einem Rundgang erreichen die Kinder 16 «Schatzinseln» – Koffern mit Aktivitäten, bei denen alle fünf Sinne gefragt sind. Sie sollen sich dabei auf interaktive und spielerische Weise mit dem Konzept des Stereotyps vertraut machen. Dabei wird ihnen gezeigt, dass sich jeder Gegenstand, jede Tätigkeit, jedes Gefühl und jedes Verhalten sowohl mit einem Knaben als auch mit einem Mädchen in Verbindung bringen lässt. Über ein Spiel gelangt das Kind von allein zu dieser Einsicht.

Würden Sie sagen, dass in unseren Schulen die Knaben Machos und die Mädchen schwärmerisch sind?

Nein, ganz so einfach ist das nicht. Ich würde eher sagen, dass die Knaben zum Konkurrenzdenken verleitet werden, zu einer gewissen Form von Gewalt und zur Infragestellung der Autorität. Und das ist dem Schulerfolg nicht gerade zuträglich. Bei den Mädchen stehen das äussere Aussehen und die Beziehungsfähigkeit im Vordergrund. Eine gute Vorbereitung für Care-Berufe!

Warum ist Sexismus noch immer allgegenwärtig?

Unsere westlichen Gesellschaften müssen bezüglich Sexismus Selbstkritik üben, denn er ist in unseren Modellen noch immer fest verankert: im Unternehmen, in der Politik sowie in der Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen. Wie die Ablehnung von Rassismus müsste auch der Kampf gegen Sexismus Teil unseres Wertefundaments werden und dürfte nicht verhandelbar sein.

Worauf ist die Ungleichstellung in Unternehmen zurückzuführen?

Die heutige Arbeitswelt geht auf eine Verteilung zurück, die sich im 19. Jahrhundert im Zuge der industriellen Revolution und des aufkommenden Kapitalismus herangebildet hat. Die Produktionseinheit hat sich von der Familie in die Fabrik verlagert. Die Geschlechterunterschiede waren damals recht markant und der Status der Frau sehr schwach. Die Frau von heute ist in diesem alten Modell gefangen: «Sie wollen arbeiten? Sehr gut, die Konsequenzen tragen Sie aber selbst.» So ist die heutige Arbeitswelt von ihrem Wesen her auf eine ungleiche Gesellschaft ausgerichtet.

Was erwarten Sie von dieser Ausstellung?

Dass möglichst viele Personen aufgerüttelt werden, vor allem solche, die in die Erziehung von Kindern involviert sind. Vergessen wir nicht, dass das Hinterfragen der Geschlechterunterschiede Überzeugungen ins Wanken bringt. Solche Fragen verunsichern, denn es geht dabei um Identität, um Entscheidungen, die man im eigenen Leben getroffen hat.

Was bedeutet SEM?

Der Verein SEM wurde 2013 in Neuenburg gegründet, um die Gleichstellung und Koedukation zu fördern. Er ist in allen Bereichen der Gesellschaft tätig und will die Bevölkerung über die Thematik der Gleichstellung von Frau und Mann informieren und dafür sensibilisieren. Die Ausstellung «Fille ou garçon, ça change quoi?» (Mädchen oder Junge – was macht das für einen Unterschied? wird von Careerplus unterstützt. Ich danke ihnen und insbesondere Pascal Gueissaz ganz herzlich für dieses wertvolle Engagement.

Zur Person
Églantine Jamet-Moreau ist Anglistik-Dozentin an der Universität Paris Ouest und hat sich schon sehr früh für Fragen des Feminismus und der Geschlechtergleichstellung interessiert. Im Zuge ihrer Spezialisierung auf dieses Gebiet war sie 2013 unter anderem an der Gründung von SEM (Succès, Égalité, Mixité) beteiligt, einen Verein, der sich für die Gleichstellung von Frau und Mann einsetzt. Églantine Jamet-Moreau ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.

 

April 2016

TAGS

Gleichberechtigung Chancengleichheit

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