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Arbeitnehmer

«In kleineren Betrieben ist es einfacher, ohne Abschluss Karriere zu machen»

Kann man ohne höheren Abschluss oder sogar ganz ohne Abschluss «Karriere machen»? Diese Frage beschäftigte eine Diskussionsrunde auf dem Podium für Bildungsthemen der letzten Genfer Buchmesse. Auch Frank Gerritzen, einer der Gründer von Careerplus, war Gast der Runde. Im Folgenden rekapituliert er die wichtigsten Punkte des Gesprächs.*

23. Juni 2015

Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aussagen bei dieser Debatte?
Frank Gerritzen: Zunächst möchte ich den fast schon philosophischen Charakter der Diskussion hervorheben. Denn wie soll man «Erfolg haben» eigentlich definieren? So gesehen ist die Vorstellung von Erfolg etwas derart Persönliches und Privates, dass man oft nicht beurteilen kann, ob die betreffende Person ihre Ziele auch erreicht hat. Den zweiten Punkt, den ich sehr bezeichnend fand, war die Tatsache, dass Frau Keller (Anm. d. Red.: die Gründerin von Keller Trading) eine Lehre als Schuhverkäuferin gemacht hat. Vielleicht sollte man also ganz woanders ansetzen und sich fragen: Wie wichtig ist eine stichhaltige Ausbildung, die mit der künftigen Karriere im Einklang steht? Und da bin ich mir ganz sicher: Es ist besser, etwas zu lernen oder zu studieren, was einen interessiert, und sich dann vielleicht später neu zu orientieren. Denn nur bei Dingen, die man gerne tut, ist man auch mit Begeisterung bei der Sache – und macht sie gut! Das gilt für die Arbeit ebenso wie für die Ausbildung. Sich auszurechnen, dass die Ausbildung, für die man sich entscheidet, die nächsten 40 Jahre «halten soll», erscheint mir nicht nur sinnlos, sondern auch unrealistisch. Wir sollten zuerst einmal etwas tun, was uns gefällt. Wechseln können wir später immer noch. So haben wir eher die Chance, unser ganzes Leben lang motiviert zu bleiben. Es war jedoch ein dritter Aspekt, der komplett im Widerspruch zu meinem zweiten Punkt steht, der die Diskussion so anregend machte: Es gibt Berufe, in denen es einfach undenkbar ist, sie ohne entsprechende Ausbildung auszuüben (z. B. Arzt, Ingenieur usw.). Diese Berufe erlauben jedoch auch einen Umstieg auf andere Tätigkeiten. Daniel Vasella war Arzt und wurde dann CEO eines Grosskonzerns, indem er wirtschaftliche Fortbildungen besuchte und vor allem seinen MBA machte. Abschliessend würde ich sagen, dass es besser ist – und in meiner praktischen Recruitment-Erfahrung hat sich das auch bestätigt – mit einer Ausbildung zu beginnen, die so spezifisch und technisch wie möglich ist, und sich dann anderen Dingen zuzuwenden. Das Gegenteil ist auch möglich, jedoch deutlich komplizierter.

Welche Bedeutung hat derzeit die Einstellung von Mitarbeitenden mit geringer (oder gar keiner) Qualifikation?
Für die Anforderungen, die ein Arbeitgeber an die Ausbildung eines Mitarbeitenden stellt, ist der Sektor nicht das relevanteste Kriterium. Entscheidend ist eher eine Kombination aus zwei Faktoren: Unternehmensgrösse und hierarchische Ebene der angestrebten Position. Ein kleiner Rohstoffhandel wird einem jungen Mann, der etwas werden will, aber keinen Abschluss hat, eher eine Chance geben. Vorausgesetzt, er überwindet erst einmal die Hürde der Lebenslauf-Auswahl, aber in kleineren Betrieben findet man leichter Zugang zu den Entscheidern. Umgekehrt wird das international tätige Konkurrenzunternehmen feste Vorgaben für die akademischen und beruflichen Qualifikationen seiner Mitarbeitenden haben. Dort wird ein subjektiver guter Eindruck im Widerspruch zu diesen Anforderungen stehen. Diese Kluft zwischen kleinen/mittleren und grossen Unternehmen werden Sie überall systematisch wiederfinden. Glücklicherweise arbeitet die grosse Mehrheit der Schweizer in kleinen und mittleren Betrieben, und so bekommen alle ihre Chance! Doch Professionalität wird natürlich von allen gefordert, und kleinere Betriebe geben den Geringqualifizierten zwar mehr Chancen, fordern aber von ihren Mitarbeitenden Exzellenz, sonst müssen diese erneut die Schulbank drücken. Und das ist auch gut so. Parallel dazu macht eine hohe Position in der Unternehmenshierarchie häufig eine Ausbildung erforderlich, welche die Verantwortlichkeiten der jeweiligen Person rechtfertigt und bestätigt. In vielen kleineren Unternehmen sind diese Ansprüche noch immer nicht ganz so hoch. Erinnern wir uns daran, dass Marcel Ospel – man mag von diesem ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten der UBS denken, was man will – seine Karriere mit einer Banklehre begann. Rechnet man jedoch die Fortbildungen hinzu, die er während seiner Karriere absolvierte, kommt man auf weit mehr Jahre Studium und auf weit umfangreichere Kompetenzen als bei den meisten Hochschulabsolventen. Schade ist jedoch, dass heute diese Art der Laufbahngestaltung – Sie beginnen mit der am wenigsten akademischen Ausbildung – den Zugang zu den obersten Ämtern praktisch unmöglich macht.

Welche Vorteile bietet die Anwerbung von Mitarbeitenden mit geringer (oder gar keiner) Qualifikation?
Gibt man einem Mitarbeitenden ohne Abschluss eine Chance, besitzt dieser meist ein geringeres Selbstwertgefühl und hat nicht den Anspruch, dass man ihm etwas schuldet. Die betreffende Person wird ihrerseits dankbar für die Chance sein, die man ihr bietet, und wird härter arbeiten als der Durchschnitt. Es ist auch interessant, sich zu fragen, warum er oder sie keine Ausbildung gemacht hat. Vielleicht liegt es ja auch an einer besonderen familiären und/oder komplizierten finanziellen Situation. Oft motivieren uns gerade die Herausforderungen. Aber das ist nicht immer so. Wussten Sie, dass der siebenfache Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen, der Schwimmer Mark Spitz, mit seinem Sport begann, weil er Asthmatiker war und sein Arzt den Eltern sagte, dass «Schwimmen ihm guttun» würde? Dasselbe gilt auch für die Ausbildung: Oft ist es der Zufall, und noch öfter sind es die Umstände, die uns ins kalte Wasser bzw. in ein Schwimmbecken springen lassen, wo wir dann entdecken, dass wir ein ausgezeichneter Schwimmer sind. Menschen mit geringer Qualifikation haben oft Komplexe wegen ihrer familiären Umstände oder wegen Lernschwierigkeiten in einem akademischen Umfeld. Wenn sich dann zeigt, dass sie in einem bestimmten Bereich kompetent sich, eröffnet sich ihnen eine neue Welt, nicht nur beruflich, sondern auch privat: Sie erleben Ehrgeiz, Spass an der Arbeit und Lebensfreude. Die Aufwärtsspirale hat begonnen!

* Dieser Artikel erschien online auf der französischen Website von HR Today. Hier geht’s zum Artikel (nur auf FR).

Zur Person:

Frank Gerritzen ist Gründungs- und aktives Verwaltungsratsmitglied von Careerplus. Im Rahmen dieser und seiner zusätzlichen Tätigkeit als Präsident der Business Angels Switzerland (BAS) – einer Vereinigung, die lokale Start-Ups fördert und unterstützt – setzt er sich intensiv mit der aktuellen Arbeitsmarktsituation auseinander. Frank Gerritzen ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

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