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Formulierungen und Codes in Arbeitszeugnissen: «Kritisieren Sie, aber moderat»

von Careerplus • 30 Oktober 2015

Ein kritisches Arbeitszeugnis führt in vielen Fällen zu einer Absage. Doch wann ist ein Zeugnis kritisch? Auf welche Formulierungen kann sich ein potenzieller Arbeitgeber verlassen? Und wie sieht es mit Codierungen aus? Hier einige Tipps von Experten.

Formulierungen und Codes in Arbeitszeugnissen: «Immer alles gut?»Formulierungen und Codes in Arbeitszeugnissen: «Immer alles gut?»

Von hinten nach vorne: So lesen Personalverantwortliche ein Arbeitszeugnis. Denn die Schlussformulierung sagt sehr viel darüber aus, wie zufrieden ein Arbeitgeber mit dem ehemaligen Mitarbeiter war. Ein «Wir bedauern den Abgang von Frau/Herrn Müller sehr und würden sie/ihn jederzeit wieder einstellen» ist ein Gütesiegel. Ein blosses «Herr/Frau Müller verlässt uns auf eigenen Wunsch» ein Zeichen, dass ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin eher leicht ersetzbar ist. «Weglassungen sagen sehr viel aus», bestätigt Sylvia Stutz, HR-Verantwortliche bei Careerplus. «Nicht nur bei der Schlussformel, sondern auch beim Inhalt. Ist jemand zum Beispiel mit Führungsaufgaben betraut, im Arbeitszeugnis steht aber mit keiner Silbe, wie er diese gemeistert hat, ist das ein schlechtes Zeichen.»

Zeugnis oder Bestätigung?

In 63 Prozent der Fälle sind es kritische Arbeitszeugnisse, die im Bewerbungsverfahren zu einer Absage führen, dies hat eine Careerplus-Umfrage bei KMU ergeben. Umgekehrt macht ein gutes Zeugnis einen Bewerber erst richtig interessant.

Kritische Arbeitszeugnisse führen in 63% der Fällen zu einer Absage.Kritische Arbeitszeugnisse führen in 63% der Fällen zu einer Absage.

Doch wann ist ein Arbeitszeugnis «gut»? Dies fängt bereits damit an, ob es sich wirklich um ein Zeugnis oder nur um eine Arbeitsbestätigung handelt. Kann ein Bewerber nach einem Arbeitseinsatz, der länger als drei Monate gedauert hat, nur eine Bestätigung vorweisen, verheisst das nichts Gutes – dann ist eine Bestätigung nämlich unüblich. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Leistungen des Arbeitnehmers ungenügend waren und der Arbeitgeber deshalb darauf verzichtet hat, diese zu beurteilen.

Vergleichen Sie verschiedene Zeugnisse. Kehren Aussagen wieder, so können Sie davon ausgehen, dass sie der Wahrheit entsprechen." Sylvia Stutz, HR-Verantwortliche bei Careerplus

Ein Arbeitnehmer kann allerdings darauf bestehen, dass er ein Arbeitszeugnis erhält. Im Unterschied zur Arbeitsbestätigung, die lediglich Aufgabengebiet, Funktion und Anstellungsdauer beinhaltet, gibt das Zeugnis Auskunft über Leistung und Verhalten des Mitarbeiters. Da diese Informationen allerdings immer stark von der Perspektive des Verfassers geprägt sind, empfiehlt Sylvia Stutz potenziellen Arbeitgebern: «Vergleichen Sie verschiedene Zeugnisse. Kehren Aussagen wieder, so können Sie davon ausgehen, dass diese am ehesten der Wahrheit entsprechen.» Zudem rät die Expertin, interessante Bewerber auf fehlende Angaben direkt oder via Referenzen anzusprechen.

Aussergewöhnliche Formulierungen

Apropos fehlende Angaben: Bestätigen die Arbeitszeugnisse lückenlos die Informationen im Lebenslauf? Darauf gehört laut Sylvia Stutz das Augenmerk besonders gelegt. Wie auch auf aussergewöhnliche Formulierungen: «Finden Sie solche vor, hat sich jemand speziell Mühe gemacht, Ihnen etwas mitzuteilen.» 

Aber aufgepasst: Nur weil eine individuelle Ausdrucksweise fehlt, heisst es noch lange nicht, dass ein Mitarbeiter schlecht war. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass ein Mitarbeiter umso wichtiger war, je individueller ein Arbeitszeugnis getextet wurde. Allerdings: «In Grosskonzernen hat man oft keine Zeit, sich diese Mühe zu machen, man arbeitet mit Standardsätzen», stellt Sylvia Stutz klar. Auf der anderen Seite hätten grosse Betriebe mehr Erfahrung im Erstellen von Zeugnissen als KMU – Arbeitgeber sollen also auch jeweils berücksichtigen, wer es war, der ein Zeugnis geschrieben hat.

Grundsätzlich sind Arbeitgeber per Gesetz verpflichtet, ihren austretenden Mitarbeitern am letzten Arbeitstag ein Zeugnis auszuhändigen. Und dieses muss wahr, klar, vollständig und wohlwollend formuliert sein – und damit keine Steine in den Weg legen. Gleichzeitig soll das Arbeitszeugnis aber auch Raum für Kritik lassen – ein Spagat. Dieser führt oft zu den berüchtigten, eigentlich verbotenen Codierungen, also positiv formulierte negative Wertungen. So heisst «Wir waren mit seinen Leistungen zufrieden» nichts anderes als das Gegenteil, schreibt Peter Häusermann in seinem Buch «Arbeitszeugnisse – wahr, klar und fair». Erst wenn vor dem Wort «zufrieden» ein Adverb stehe wie «sehr» oder «äusserst», könne man davon ausgehen, dass die Formulierung auch hält, was sie verspricht.

Umso klarer, messbarer und konkreter man formuliert, umso mehr schwindet die Gefahr, beim Schreiben eines Arbeitszeugnisses aus Versehen in die Code-Falle zu tappen." Peter Häusermann, HR-Experte und Buchautor

Plädoyer für Anstand

Fallen also auch die eingangs beschriebenen Weglassungen und Schlussfloskeln unter Codierung? In der Tat scheint die Abgrenzung schwierig. Selbst wer sich ausdrücklich gegen Codes ausspricht, kann beim Schreiben in die Falle tappen. «Umso klarer, messbarer und konkreter man formuliert, desto mehr schwindet aber die Gefahr», sagt Peter Häusermann auf Anfrage von Careerplus. Der HR-Experte hat Codierungen den Kampf angesagt und plädiert für etwas an sich Profanes: «Anstand.» So müsse kein Arbeitgeber darauf verzichten, im Zeugnis Kritik zu äussern, nur weil er den Konflikt mit dem austretenden Mitarbeiter scheue. «Wenn Kritik nicht zum ersten Mal via Arbeitszeugnis laut wird und diese dazu moderat formuliert ist, gibt es keine Probleme», ist sich Häusermann sicher. Und meint damit erstens, dass ein Mitarbeiter nicht kalt erwischt und wahrscheinlich auch einverstanden sein wird, wenn konstruktive kritische Beurteilungen nicht erst beim Austritt anfallen, sondern eben regelmässig – etwa im Rahmen von Mitarbeitergesprächen. Zweitens geht es Häusermann um den Ton. Und er rät: «Kommen Sie weg von Floskeln!»

Mehr Informationen zu Peter Häusermann und seinem Schaffen: www.arbeitszeugnisse.ch

Achtung, Codes – solche Formulierungen sollten Sie vermeiden
Er hat die ihm übertragenen Arbeiten zu unserer Zufriedenheit ausgeführt = Er hat nur knapp genügende Leistungen erbracht
Im Umgang mit Vorgesetzten und Mitarbeitern war er korrekt = Er war nicht sonderlich beliebt
Er ist ein gewissenhafter Mitarbeiter = Er arbeitet gewissenhaft, jedoch ohne genügend Leistung zu erbringen
Er hat all seine Fähigkeiten eingesetzt = Seine Leistungen waren schwach

 

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Oktober 2015

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Arbeitszeugnis Codierung Codes Formulierung

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Für Arbeitgeber