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Jubiläumsblog: Wie sieht die HR-Branche in 10 Jahren aus?

von Careerplus • 1 April 2015

Wohin führt der Weg der Human Resources? Benötigt man Rekrutierer künftig noch? Und war früher alles besser? Als E-Mails noch einmal pro Woche geprüft wurden? Frank Gerritzen, einer der Gründer von Careerplus, mit Anekdoten aus alten Zeiten – und einem Blick in die Zukunft der Branche.

Wie sieht die HR-Branche in 10 Jahren aus?Wie sieht die HR-Branche in 10 Jahren aus?

Im Arbeitsalltag übernehmen immer mehr das Internet und Maschinen die Aufgaben der Menschen. Gilt dasselbe auch für die HR-Branche?
Frank Gerritzen: Im Bereich Human Resources lassen sich, wie überall sonst, repetitive Aufgaben wie etwa Lohnabrechnungen oder die Verwaltung der Personalakten schneller und effizienter durch Maschinen erledigen. Auch bei der Rekrutierung kommen zunehmend automatisierte Prozesse zur Anwendung, zum Beispiel beim Herausfiltern von Lebensläufen und bei der Suche nach Schlüsselbegriffen. Allerdings ist der Bedarf an hochwertigen, spezialisierten Services heute grösser denn je. Vertrauenswürdigkeit und die Kenntnis des Kundenunternehmens sind für die Auswahl des Partners und die Dauer der Partnerschaft von wesentlicher Bedeutung. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man dies wird ersetzen können, wenigstens nicht in absehbarer Zeit.

...die Besetzung der wichtigen Stellen bleibt weiterhin das Privileg von Menschen!"

Welche Rolle spielen heute die sozialen Medien im Rekrutierungsprozess? Und was ist Ihrer Meinung nach das Zukunftsszenario?
Soziale Medien sind – nun ja – Medien! Wie ihr Name bereits sagt, sind sie Mittler, die es ermöglichen, mit geringem Aufwand in Kontakt zu treten, Kontakt zu halten und eine Beziehung aufzubauen. Sie beschleunigen und erleichtern also gewisse Prozesse, sind aber auf keinen Fall ein Ersatz. Was unsere Unternehmenskunden von uns erwarten, ist, dass wir unsere Netzwerke pflegen, damit sie bei Bedarf bestmöglich identifizierbar und somit schnellstmöglich erreichbar sind.

Werden die sozialen Medien die Jobportale respektive die Stellenportale verdrängen?
Das ist die entscheidende Frage! Herr Profico, der CEO von JobCloud, erklärte uns gestern Abend*, dass dies nicht der Fall sein werde, sagte uns aber auch deutlich, dass sein Unternehmen an mehreren Projekten arbeite. Wir können uns, denke ich, darauf einstellen, dass Kandidaten für relativ untergeordnete Positionen mithilfe von Stellenportalen gefunden werden. Bei «mittleren» Posten dürften zahlungspflichtige oder kostenlose soziale Netzwerke (wie LinkedIn) die Hauptrolle spielen; aber die Besetzung der wichtigen Stellen bleibt weiterhin das Privileg von Menschen! Ganz zu schweigen davon, dass die fragliche Zuverlässigkeit der Informationen und ihre schiere Menge die Glaubwürdigkeit und Nützlichkeit sozialer Netzwerke enorm einschränken.

*Anmerkung der Redaktion: Bei der Diskussionsrunde, die vom Westschweizer Verband der Personalrekrutierer (Association des Professionnels du Recrutement Fixe de Suisse romande) am 19. März 2015 organisiert wurde

Wir hatten keine Mobiltelefone. Daher riefen wir die Kandidaten zu Hause oder auf der Arbeit an... Es kam sogar vor, dass wir Telegramme verschickten..."

Wo liegen die künftigen Chancen der Rekrutierung, wo die Risiken?
Die Chancen liegen ganz klar im Mehrwert, den Berater und Personalberatungsunternehmen bieten können. Dieser Mehrwert ändert sich jedoch mit den Jahren und Anforderungen: Vor 20 Jahren ging es noch darum, den Kandidaten zu finden. Mittlerweile besteht die Aufgabe immer mehr im Filtern der Datenflut oder noch wichtiger, in der Ermittlung von Personen, die in der Lage sind, bestimmte Funktionen ohne entsprechende Ausbildung und/oder Erfahrung zu übernehmen: Die Funktionen entwickeln sich derart schnell, dass es oft niemanden gibt, der über sämtliche Qualifikationen für eine Posten verfügt. Dann gilt es zu ermitteln, welche Qualifikationen und vor allem welche Charaktereigenschaften ausreichend Entwicklungspotenzial für einen Posten bieten, der vollkommen neu erfunden wurde. Das Risiko besteht darin, diese Entwicklung zu verschlafen.

Heute verschickt Careerplus wöchentlich E-Mails mit Kandidatenprofilen. Sie waren von Anfang an dabei. Was hat sich in diesen 20 Jahren verändert?
Da gibt es unglaublich viele Anekdoten zu erzählen. Beispielsweise hatten wir keine Mobiltelefone. Daher riefen wir die Kandidaten zu Hause (also entweder sehr früh oder sehr spät) oder auf der Arbeit an, mit allen Risiken für die Vertraulichkeit, die damit einhergehen. Es kam sogar vor, dass wir Telegramme verschickten (unsere jüngeren Leser wissen bestimmt nicht einmal mehr, was das ist ...), um bestimmte Kandidaten schnell zu kontaktieren, wenn diese nicht ans Telefon gingen (selbst Anrufbeantworter waren damals nicht gerade weit verbreitet …). Unsere Mailings erfolgten per Hand: Abends nach den Bürozeiten – um den Computer nicht tagsüber zu blockieren – druckten wir tausende Schreiben mit Kandidatenprofilen aus und beschrifteten anschliessend bis in die frühen Morgenstunden Umschläge. Die Energie hierfür lieferten grosse Mengen Pizza und ein gelegentliches Bier. Zunächst hatten wir eine gemeinsame E-Mail-Adresse für das gesamte Büro und mussten daran denken, die Mails wenigstens einmal pro Woche mithilfe eines extrem lärmenden Modems abzurufen, was wir aber häufig vergassen! Gleiches gilt für die Backup-Bänder der Datenbank, die wir jedes Wochenende zur Sicherheit mit nach Hause nahmen … Aber dabei will ich es einmal belassen!

Man bildet sich immer ein, dass es früher leichter war, aber ich denke, die Herausforderungen waren einfach andere – also nein, ich bedauere nichts und ich vermisse auch nichts wirklich."

Und mit wie vielen Mitarbeitenden sind Sie gestartet – und wie viele zählt Careerplus heute?
Man startet immer mit … 1! Spass beiseite: Zunächst waren wir drei Personen im Büro, anschliessend haben wir uns büroweise um je 3 Personen vergrössert, bis wir 2005 einen Personalbestand von rund 50 Personen erreichten. Anschliessend sind wir weiter recht schnell gewachsen und zählen seit einigen Jahren mehr als 120 Mitarbeitende.

Gibt es etwas, das Sie vermissen, das vor 20 Jahren noch anders war?
Man bildet sich immer ein, dass es früher leichter war, aber ich denke, die Herausforderungen waren einfach andere – also nein, ich bedauere nichts und ich vermisse auch nichts wirklich.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Gerritzen!

 

Frank Gerritzen: ..die Besetzung der wichtigen Stellen bleibt weiterhin das Privileg von Menschen!"Frank Gerritzen: ..die Besetzung der wichtigen Stellen bleibt weiterhin das Privileg von Menschen!"

Zur Person

Frank Gerritzen ist Gründungs- und aktives Verwaltungsratsmitglied von Careerplus. Im Rahmen dieser und seiner zusätzlichen Tätigkeit als Präsident der Business Angels Switzerland (BAS) – einer Vereinigung, die lokale Start-Ups fördert und unterstützt – setzt er sich intensiv mit der aktuellen Arbeitsmarktsituation auseinander. Frank Gerritzen ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Careerplus wird 20

In unserer Jubiläumsserie fragen wir alle zwei Wochen: «Wie war es eigentlich früher?» aber auch: «Was bringt die Zukunft?». Aufmerksame Leser haben ausserdem die Chance, unseren Jubiläumswettbewerb zu gewinnen: Am Ende der Serie stellen wir Fragen zu den vergangenen Blogs – und wer’s weiss, gewinnt mit ein bisschen Glück eine Reise für zwei Personen an die Weltausstellung in Milano mit Übernachtung!

 

April 2015

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HR-Branche Zukunft Vergangenheit Social Media

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Für Arbeitgeber